Konzerte

Datum: 04.03.2018

Uhrzeit: 17 Uhr
Einlass: 16:30 Uhr

Titel/Motto: Olivier Messiaen: Les Corps Glorieux

Programm: Olivier Messiaen (1908-1992): „Les Corps Glorieux“


1. Subtilité des Corps glorieux Geistigkeit der verherrlichten Leiber

2. Les Eaux de la Grace Die Wasser der Gnade

3. L’Ange aux Parfums Der Engel mit dem Räucherwerk

4. Combat de la Mort et de la Vie Der Kampf zwischen Tod und Leben

5. Force et Agilité des Corps glorieux Kraft und Behendigkeit der verherrlichten Leiber

6. Joie et Clarté des Corps glorieux Freude und Leuchtkraft der verherrlichten Leiber

7. Le Mystère de la Sainte Trinité Das Geheimnis der Heiligen Dreifaltigkeit

Ausführende: Kantor Michael Harry Poths: Orgel
Kantor Michael harry Poths und Pfarrer Martin Weber: Einführung

Ort: Katholische Kirche Christ König
Friedenstraße 13
35614 Aßlar
Adresse bei Google Maps

Sonstiges: Erläuterungen des Komponisten zu dem 1939 komponierten Werk
Übersetzung von Almut Rößler und Max Villette
(die Registerangeben sind für dreimanualige frz. Orgel und somit bezogen auf Aßlar relativ – ich bemühe mich um möglichst adäquate Registrierungen!)

Der Zyklus hat den Untertitel: „Sieben kurze Visionen über das Leben der Auferstandenen.“ Das Leben der Auferstandenen ist frei, rein, leuchtend, farbig. Die Klangfarben der Orgel spiegeln diese Charaktere wider. Die Leiber der Auferstandenen sind unsterblich. Sie haben vier Eigenschaften: die Herrlichkeit (durch und durch leuchtend, sind sie Ursprung ihres eigenen Lichtes) – die Unverwundbarkeit (sie leiden nicht mehr und sind nicht einmal mehr fähig zu leiden) – die Behendigkeit (sie können alle Hindernisse durchdringen, sie können sich sehr weit, mit Blitzesschnelle, im Raum fortbewegen) – die Vergeistigung (sie sind nicht mehr den irdischen Bedürfnissen, wie Schlaf und Hunger, verhaftet, sie sind vergeistigt und völlig rein). Die Stücke beschreiben diese Daseinsformen: „Geistigkeit der verherrlichen Leiber“, „Kraft und Behendigkeit der verherrlichten Leiber“, „Freude und Leuchtkraft der verherrlichten Leiber“. Die Eigenschaften der verherrlichten Leiber entstehen aus der Bestätigung ihrer Gnadenannahme, so ist ein Stück den „Wassern der Gnade“ gewidmet. Die Auferstehung und Herrlichkeit der Auferstandenen haben ihre Ursache und ihr Vorbild in der Auferstehung Christi, deren erhabener Beginn im „Kampf zwischen Tod und Leben“ beschworen wird. Das Leben der Auferstandenen ist vor allem ein Leben der Betrachtung und des Gebetes: ihr Gebet wird durch das Räucherwerk aus der Offenbarung Johannis symbolisiert („Der Engel mit dem Räucherwerk“), sie betrachten und verstehen endlich das größte Geheimnis unseres Glaubens, den dreieinigen Gott („Das Geheimnis der Heiligen Dreifaltigkeit“).

Zu 1) „Es wird gesät ein natürlicher Leib, und wird auferstehen ein geistlicher Leib“ (1. Kor 15,44). „Sie werden sein gleich wie die Engel im Himmel“ (Mt 20,30). Vollkommene Reinheit und Geistigkeit. Die Musik ist eine Monodie, ohne jede Begleitung. Sie wird abwechselnd auf drei verschiedenen Kornetten von unterschiedlicher Stärke gespielt. (Die Klangfarbe des Orgelkornetts ist obertonreich: Sie ist leuchtend und rund, eines der charakteristischsten Soloregister des Instruments). Das ganze Stück ist eine Mischung von melodischem Aufbau wie bei gregorianischen neumen und von Rhythmen ungleicher Zeitwerte, in denen man die griechischen Versfüße Amphimazer und den dritten Epitrit wiedererkennt. Man wird gleichfalls auch einige Abwandlungen der Antiphon „Salve Regina“ wiedererkennen, zu Ehren von Maria, der Königin der verherrlichten Leiber. Die melodischen Kadenzen bestehen jedesmal aus einer übermäßigen fallenden Quarte.

Zu 2) „Das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen“ (Offb 7,17). Unaufhörliches Strömen des symbolischen Fluses der Gnade durch die himmlische Stadt. Der seltsam „fließende“ Charakter der Musik wird durch zweierlei bewirkt: die Polymodalität und die Registrierung. Die begrenzt transponierbaren Modi sind übereinandergestellt, sie modulieren von ener Übereinanderstellung zur anderen: Registrierung: a) Hauptmelodie (in Akkorden): Gambe, Vox Coelestis, Bourdon 16’ – b) 1. Kontrapunkt (moderato, im pedal): Flöte 4’ – c) 2. Kontrapunkt (in Sechzehntelbewegung in der linken Hand): Nachthorn 8’, Nazard, Terz. All das klingt zusammen.

Zu 3) „Und der Rauch des Räucherwerks stieg auf mit dem Gebet der Heiligen von der Hand des Engels vor Gott“ (Off 8,4). a) monodisches Hauptthema, im Stil gewisser „Hindu-Râgas“, gespielt von Klarinette und Nazard. b) Polymodale und polyrhythmische Überleitung: Man hört die Übereinanderstellung dreier begrenzt transponierbarer Modi sowie die Übereinanderstellung dreier Rhythmen: der erste ist aufteilbar in 7+7+8, der zweite ist die Umkehrung des ersten, der dritte ist ein „nicht umkehrbarer Rhythmus“, geteilt in zwei zur Mitte hin symmetrische Gruppen mit einem gemeinsamen Zentralwert. c) Variation des Hauptthemas durch einen Kontrapunkt von staccato-Akkorden gespielt von Gambe und Vox Coelestis, der die Melodie im Pedal (die mittles Pedalkoppel Flöte 4’, Nazard, terz und Piccolo 2’ erklingen lässt) umgibt. d) zweistimmiger Kanon in Gegenbewegung, ausgehend vom Themenkopf, eine Rauchwolke, ein rasches Murmeln mit den Bourdons 16’, 8’, 2’. e) Reprise der polymodalen und polyrhythmischen Überleitung in dichterer Kombination. f) Kurze Wiederaufnahme des Hauptthemas. g) Pianissimo-Schluss im Gemurmel der Bourdons.

Zu 4) „Tod und Leben haben einen erstaunlichen Kampf geführt; der Herr des Lebens, nachdem er tot war, lebet und regiert, und er sagt: ‚Mein Vater, ich bin auferstanden, ich bin noch bei dir’“. (Sequenz und Introitus von Ostern). Langes zweiteiliges Stück: der erste Teil, lärmend und erregt, ist Kampf im wahrsten Sinne des Wortes, in ihm hört man die Leiden und Schreie der Passion Christi, deren unausgesprochenes Ende der Tod ist. Der zweite Teil ist das Leben. Man hätte ihn schnell un stark erwartet, aber er ist im gegenteil sanft, ruhig und heiter. In der Tat stellt der zweite Teil den höchsten, bewegendsten, geheimsten Augenblick im Leben Christi dar. Dieser Augenblick wird nicht in den Evangelien überliefert, wir kennen nur das, was danach kommt: das Erdbeben, plötzlich einbrechendes Licht, den Engel, der den Stein vom Grabe fortwälzt, mehrfache Erscheinungen des nauferstandenen Jesus an verschiedenen Orten. Aber der Psalm 138, von der Kirche im Osterintroitus auf Christus angewandt, hat uns im voraus diesen erhabenen Augenblick beschrieben, da Jesus sich erhebt, lebendig, lichtvoll, Erstgeborener unter den Toten, und, im besonnten Frieden seiner Auferstehung, an seinen Vater die Liebesworte richtet: „Ich bin noch bei dir“. Zusammenfassung der Form: a) das einzige Thema in c-moll, einstimmig, gespielt von der dunklen Klangfarbe des Fagott 16’ solo. Ungestümer Kampf wechselnder Akkordfolgen. b) Thema in e-moll, in zweistimmigem Kanon. Erneuter Tumult der Akkorde. c) Thema in As-Dur, in dreistimmigem kanon. Thema in d-moll im Bass, darauf die ungestümen Akkordfolgen. d) Ein Strom von Akkorden stürzt in Gegenbewegung auf das ansteigende Thema im Bass. Durchführung durch thematische Zerstückelung. e) Ds Thema teilt sich in zwei Teile und wird weiterhin zerstückelt, in großen fortissimo-Aufschreien. Eine lange Pause versinnbildlicht Tod und Auferstehung. f) Große, sehr lange, sehr langsame Phrahse, entwickelt aus dem einzigen Thema, in der lichten Tonart Fis-Dur, mit der Farbe eines begrenzt transponierbaren Modus, unendlich verklärter Dialog zwischen zwei Flöten verschiedener Klangqualität auf dem pianissimo-Hintergrund von Gambe und Vox Coelestis.

Zu 5) „Es wird gesät in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft“ (1. Kor 15,43). Die Fähigkeiten, durch die Wände zu gehen und blitzschnell den Raum zu durchmessen, lassen sich in einer kraftvollen Vitalität zusammenfassen. Vehement und robust, behende und stark sind die Auferstandenen. Das Stück ist monodisch. Der klare und brillante Klang der Mixturen verbindet sich mit den Prinzipalen 16’, 8’, 4’, 2’ und einigen Zungenstimmen 8’ und 4’. Die raketenartigen Gruppen drücken Ungestüm und Rasanz der Bewegungen aus; die repetierten Noten die einfache und fröhliche, durch nichts aufzuhaltende Kraft. In diesen Eigenschaften gleichen die verherrlichten Leiber den Engeln: daher besteht eine melodische Ähnlichkeit zu dem dritten Stück („Der Engel mit dem Räuchwerk“). Man beachte die Freiheit des Rhythmus, den Gegensatz zwischen den sehr kurzen und sehr langen, den abgesetzten und den gebundenen Noten, zwischen gleichlangen zeitdauern und hinzugefügten Werten und den häufigen der griechischen Versfüße Amphimazur und 2. und 3. Epitrit. Der „Lichtschlag“ am Schluss kommt zustande durch eine quasi-glissando-Rakete, die auf den extrem hohen Mixturen in einen Akkord auf der Vox Humana einmündet.

Zu 6) „Dann werden die gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters reich“ (Mt 13,43). Die Leuchtkraft oder die Herrlichkeit ist die erste Eigenschaft der verherrlichten Leiber. Jeder Auferstandene ist sich selber sein eigenes Licht und sein einzigartiger Lichtschein, was Paulus symbolisch erklärt, wenn er sagt: „In seinem Glanz unterscheidet sich ein jeglicher Stern von einem anderen Stern“. Diese verschiedenen Helligkeitsgrade werden durch den Wechsel der Klangfarben wiedergegeben. Die Form ist einfach: Refrain – 1. Couplet – variierter Refrain – 2. Couplet – Coda über den Refrain. Die Melodie des Refrains (überschwenglich, phantasievoll, voll überströmender Freude) benutzt verschiedene Anschlagsarten (vom legato zum staccato über das louré). Sie wird gespielt mit Trompete, Prinzipal 16’, Kornett und Clairon 4’. Die begleitenden Akkorde haben eine seltsame Klangfrabe, scharf gewürzt, mit goldflammendem Widerschein, diese Farb mischt Vox Humana, Bourdon 16’, Clairon 4’, Zimbel (alles auf dem Schwellwerk) und die 16’- und 32’-Register des Pedales. Gegesatz zwischen melodie und Harmonien in zweifacher Hinsicht. Zunächst die Farbe: Runder Kornettklang für die Melodie, brillanter Zymbelklang für die Akkorde. Sodann die Rhythmen: freier Fantasierhythmus für die Melodie, Ordnung der zeitdauern für die Akkorde. Alle diese Akkorde benutzen den kretischen Rhythmus (oder Amphimazer): lang-kurz-kurz, aber mit qualitativ verschiedener Vergrößerung und Verkleinerung: Hinzufügung des Punktes, Hinzufügung der doppelten Werte; Abziehung von zwei Dritteln der Werte.

Zu 7) „Allmächtiger Gott, der du mit deinem eingeborenen Sohn mit dem Heiligen Geist ein einiger Gott bist, nicht in der Einheit einer einzigen Person, sondern in der Dreieinigkeit eines einzigen Wesens“ (Präfation vom Trinitatissonttag). Das ganze Stück ist der Zahl 3 gewidmet. Es ist dreistimmig, seine Form ist dreiteilig, jede der drei großen Unterteilungen ist selbst ein terzstt. Die Hauotmelodie ist genauso wie ein gregoriansiches Kyrie gebaut, drei mal drei Anrufungen, alle durch einen kurzen melodischen Refrain beschlossen, der für das Wort „eleison“ steht. Die drei ersten Anrufungen („Vater“) schließen auf der Tonika: d. Die drei nächsten Anrufungen („Sohn“) beginnen auf der Dominante, steigen zur Tonika ab (fleischgewordenes Wort) und steigen wieder auf zur Dominante (Himmelfahrt). Die drei letzten Anrufungen mischen Tonika und Dominante (der Heilige Geist geht vom Vater und vom Sohn aus). Die neunte ist länger und ausgezierter. Die Huldigung wird horizontal ausgedrücktdurch die Zeit, vertikal durch den Raum. Die tiefe Stimme (der Vater ist ein rhythmisches Ortinato über drei gruppierte Hindu-Rhythmen: râgavardhana, candrakalâ, lakskmîka – gefolgt von einem langen Wert. Jede Phrase ist von der folgenden durch eine Pause getrennt). Die mittlere Stimme (der Sohn) entfaltet die Hauptmelodie. Die Akzente der zeitdauern in der Oberstimme werden durch lange Stauungen und lange Endungen vorbereitet und aufgelöet. Die mittlere Stimme ist modal, die beiden anderen chromatisch und atonal. Die mittlere Stimme hat die eindeutige Kkangfarbe der 8’-Flöte, die beiden anderen mischen 16’ und 32’ mit dem 2’, d.h. das äußerst Tiefe mit dem äußerst Hohen. Damit wird die Mittelstimme von einer doppelten Aura des Mysteriums umgeben und nach vorn projiziert. Das ganze Stück ist ein fernes und undefinerbares pianissimo, aus dem die Mittestimme hervortritt: durch seine Inkarnation ist uns der Sohn allein sichtbar nahegekommen.

Selters-Haintchen, am Vorabend des letzten Sonntages im Kirchenjahr
Anno Domini MMXVII

Kantor Michael Harry Poths

Eintritt: Eintritt frei, Bitte um Spenden

Beteiligtes Mitglied: Michael Harry Poths